G7 und der überraschte Repräsentant „vom Ende der Welt“

08.07.2022

Ein Gastbeitrag von Federico G. Luchtenberg, Bachelor der Internationalen Beziehungen der Nationalen Universität Rosario und Präsident des deutschen Vereins Rosario (Argentinien). In der Serie "Nachrichten aus..." stellt die Stiftung Verbundenheit Nachrichten aus unseren Partnerländern und unseren Kooperationspartnern vor.

Federico Luchtenberg

G7 und der überraschte Repräsentant „vom Ende der Welt“


Die G7 ist das Forum der sieben wichtigsten Industriestaaten der Welt, darunter Deutschland, Großbritannien, Japan, Italien, Frankreich, Kanada und die USA. Das Forum wurde in den 1970er Jahren gegründet. Seit 1997 umfasst das Forum auch die Russische Föderation (G8). Nach der russischen Annexion der Halbinsel Krim im Jahre 2014 wurde das neuste Mitglied als Sanktion der ursprünglichen G7 wieder aus der Gruppe ausgeschlossen.

Die Agenda des 48. Treffens der G7 stand ganz im Zeichen des Einmarsches in die Ukraine. Dieser ist nicht nur der größte militärische Angriff auf europäischem Boden seit den Jugoslawienkriegen, sondern verursacht derzeit auch die größte Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg und führt zur weltweiten Lebensmittelknappheit und Energiekrise.

Bundeskanzler Olaf Scholz koordinierte als Gastgeber des G7-Gipfel 2022 auf Schloss Elmau eine Agenda zu sicherheits- und wirtschaftspolitischen Themen mit den Schwerpunkten Energie- und Nahrungsmittelversorgung. Die Klimakrise trat in Anbetracht der aktuellen politischen Situation bei diesem Treffen in den Hintergrund.

Quelle Bundesregierung/Güngör. G7-Gipfel in Elmau: Bilaterale Gespräche in Bildern | G7 Germany 2022 (bundesregierung.de)
Quelle Bundesregierung/Güngör. G7-Gipfel in Elmau: Bilaterale Gespräche in Bildern | G7 Germany 2022 (bundesregierung.de)

Die 5 Gäste und die G20

Unter mehreren Vertretern internationaler oder regionaler Organisationen waren diesmal auch die folgenden fünf Länder eingeladen: Indonesien, Senegal, Indien, Südafrika und Argentinien. Der Grund ihrer Einladung ist den unterschiedlichen Rollen der jeweiligen Länder im internationalen Kontext geschuldet: Indonesien als nächstes Gastland der G20, Senegal als Vorsitzender der Afrikanischen Union, Indien wegen seiner engen Beziehungen zu Deutschland, Südafrika als einziges afrikanisches Mitglied der G20 und Argentinien mit seinem derzeitigen Vorsitz in der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (CELAC). Auch der Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, wurde virtuell zugeschaltet.

Argentinien, der periphere Player am „Ende der Welt“

Der argentinische Präsident Alberto Fernandez hätte leicht die ersten Worte von Papst Franziskus zitieren können, um seine Freude, gleichzeitig auch Überraschung, darüber zum Ausdruck zu bringen, vom „Ende der Welt“ gekommen zu sein, um die CELAC im G7-Forum zu vertreten. Die positive Verwunderung darüber, die auch in der argentinischen Gesellschaft zu verspüren ist, hat insbesondere mit der eigenen Wahrnehmung als „lädierter Gast“ zu tun:
Argentinien befindet sich erneut in einer schweren Wirtschaftskrise, die das Vertrauen in die argentinische Regierung enorm belastet. Viele Beobachten waren davon ausgegangen, Brasilien als stärkste Volkswirtschaft als Gast beim G7-Forum zu sehen.

Auch die argentinischen Medien schienen von der Einladung überrascht. Nur wenig war in diesen Tagen darüber zu lesen, warum Argentinien im Kontext der vom Krieg ausgelösten Krise die Chance habe, sich als Nahrungsmittel- und Energielieferant für Industrienationen zu etablieren. Auch nach der Bekanntmachung der Einladung Argentiniens zum G7-Forum dominierten eher das bevorstehende Aufeinandertreffen des britischen Premierminister Boris Johnson mit Alberto Fernandez vor dem Hintergrund des Konfliktes um die Malwinen (englisch Falkland Islands) und das neue Milliarden-Hilfsprogramm des IWF für Argentinien die Schlagzeilen.

Trotz der wirtschaftlichen Krisensituation in Argentinien scheint sich in der Casa Rosada [Name des Regierungssitzes in Buenos Aires] neuerdings wieder der Wunsch zu etablieren, eine neue wirtschaftliche Partnerschaft mit Deutschland aufzubauen. Dies ist auch ein Resultat des russischen Angriffskrieges in der Ukraine.

Als Alberto Fernandez eine Woche vor Beginn des Angriffskriegs den russischen Präsidenten Putin in Moskau besuchte, bedankte er sich bei ihm für die Unterstützung mit den in Argentinien großflächig eingesetzten Sputnik-Impfstoffen und deutete seine positive Haltung zum wirtschaftlichen und kommerziellen Eintritt Russlands in die Region Lateinamerikas an. Dabei ahnte er jedoch nicht, dass nur wenige Monate später, beim nächsten G7-Treffen, die russische Invasion eine Zeitenwende bringen würde. Diese Entwicklung ändert heute aber auch die Möglichkeiten Argentiniens, sich neu auf dem Weltmarkt zu positionieren.

Argentinische Kommentatoren beziehen sich in den letzten Wochen wieder auf die geläufige These, dass Argentinien, aufgrund seiner geografischen Entfernung zu den wirtschaftlichen und politischen Zentren, eine Art periphere Player am „Ende der Welt“ sei. Nun haben jedoch die Ernährungs- und Energiekrise in Europa im Kontext des Krieges, Argentinien in den Mittelpunkt der Welt gerückt.

Eine neue Chance für Argentinien und Südamerika?

Argentinien und Südamerika stehen an einem Scheideweg. Mit steigenden Rohstoffpreisen, aber auch mit steigenden Preisen für aus Osteuropa importierte Düngemittel wird die Zukunft ungewiss. Die Gasreserven in Südamerika könnten eine wichtigere Rolle für den Weltmarkt spielen, allerdings bleiben die benötigten Investitionen aus den Industrieländern für eine Skalierung der Gasgeschäfte aus. Die fragile Wirtschaftslage in Argentinien lässt auch die Importkapazität des Landes schwinden. Die Frage ist, inwieweit alte Handelspraktiken, die nur wenigen Sektoren der Gesellschaft zugutekommen, nicht repliziert werden. Vom MERCOSUR-EU-Abkommen ist keine Rede mehr. Vielleicht ist es die Gelegenheit, diese Verhandlungen im Kontext der kriegerischen Handlungen in Europa wieder aufzunehmen.

An diesem Scheideweg entsteht politischer Opportunismus. In der internationalen Politik ist das Gespür für die Zukunft entscheidend. Alberto Fernandez hat nun die Möglichkeit, einen Wandel in den Beziehungen zwischen Lateinamerika und den Industrienationen der G7 einzuleiten. Gleichzeitig versucht Russland, Argentinien zu verführen, indem es den BRICS-Beitritt in Aussicht stellt. Die Geopolitik steckt im südamerikanischen „Hinterhof" fest und macht es den politischen Entscheidungsträgern nicht leicht. Wie immer ist es vor allem die Bevölkerung die die Dynamiken auf der internationalen Bühne zu spüren bekommt. Die Teilnahme des Repräsentanten „vom Ende der Welt“ beim G7-Forum könnte also noch weiterreichende Konsequenzen für die argentinische Bevölkerung bringen.

Disclaimer: der Artikel spiegelt die Meinung des Autors wider.

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