Am Dienstag, dem 26. Mai 2026, traf eine Delegation der Stiftung Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland in Berlin zu einem Arbeitsgespräch mit Bundesministerin Karin Prien zusammen. An dem Treffen nahmen teil: Hartmut Koschyk, Stiftungsratsvorsitzender und Parlamentarischer Staatssekretär a.D., der langjährige Journalist und Kuratoriumsmitglied Werner Sonne, Geschäftsführer Dr. Marco Just Quiles sowie Israel-Projektmanager Dor Glick.
Es war dies bereits das zweite Gespräch zwischen der Stiftung und Bundesministerin Prien innerhalb weniger Monate – ein Zeichen des gewachsenen gegenseitigen Interesses und des politischen Gewichts, das dem Jeckes-Projekt inzwischen zukommt. Schon bei der Eröffnung des neuen Jeckes-Museums in Haifa, das von Deutschland mit einer Million Euro gefördert wurde, hatte Karin Prien mit einem Grußwort die Bundesregierung vertreten und zugleich ein Signal gesetzt, dass dieses Erbe der Menschen mit deutschen Wurzeln geschätzt wird. Auch eine Bundestagsdelegation war zu diesem Ereignis gekommen und hatte sich zuvor mit der israelischen Partnerorganisation der Stiftung getroffen.
Erinnerung, Gegenwart und Zukunft
Im Mittelpunkt des jüngsten Gesprächs standen auch hier die Geschichte und das Erbe der Jeckes – jener deutschsprachigen jüdischen Einwanderer, die ab den 1930er-Jahren das nationalsozialistische Deutschland verließen und ins britische Mandatsgebiet Palästina, später in den Staat Israel, gelangten. Einig waren sich die Gesprächsteilnehmer darin, dass dieses Erbe weit über ein Stück Migrationsgeschichte hinausweist: Es steht für eine gelebte deutsch-jüdische Kulturtradition, die in Israel bewahrt wurde und bis heute nachwirkt. Die Jeckes brachten nicht nur ihre Sprache und ihre Bücher mit – sie prägten Israels Rechtssystem, seine Universitäten, seine Wirtschaft und seine Kulturlandschaft auf eine Weise, die bis heute sichtbar ist. Es ist eine Geschichte, die aus der Tragödie des Nationalsozialismus und des Holocaust erwuchs und dennoch – oder gerade deshalb – von einer bemerkenswerten Kraft des Neubeginns zeugt.
Konkrete Wege der Zusammenarbeit
Das Gespräch blieb nicht bei der Würdigung des Vergangenen stehen. Bundesministerin Prien und die Vertreter der Stiftung erörterten konkrete Kooperationsformate, um gezielt in die Zukunft der Jeckes-Gemeinschaft zu investieren – mit besonderem Fokus auf die dritte und vierte Generation der ursprünglichen Auswanderer.
Im Kern geht es darum, jungen Israelis mit Jeckes-Wurzeln eine lebendige Begegnung mit dem modernen Deutschland zu ermöglichen – einem Deutschland, das sich seiner Geschichte stellt und zugleich ein offenes, demokratisches Land ist. Ebenso wichtig ist der umgekehrte Weg: Junge Deutsche sollen nach Israel reisen und dort durch die einzigartige Geschichte der Jeckes einen Zugang zur israelischen Gesellschaft finden, der weit über das Übliche hinausgeht. Denn die Jeckes erzählen nicht nur von Verfolgung und Verlust – sie erzählen von Integration, von Aufbau, von dem erstaunlichen Beitrag, den eine vergleichsweise kleine Gemeinschaft zur Entstehung des Staates Israel geleistet hat: in Wirtschaft und Technologie, in Recht und Justiz, in Literatur, Musik und Wissenschaft.
Diese Programme des gegenseitigen Austauschs sind keine sentimentalen Gesten. Sie sind ein wirksames Instrument – sowohl für die Pflege der deutsch-israelischen Beziehungen als auch im Kampf gegen Antisemitismus. Bundesministerin Prien brachte es auf den Punkt: Wer Israelbesuche und seinen Menschen begegne, kehre mit einem grundlegend anderen Bild zurück als derjenige, der Israel und „die Juden“ nur aus der Distanz kenne. In Zeiten wachsender Entfremdung und gezielter Desinformation ist persönliche Begegnung keine Selbstverständlichkeit mehr – sie ist eine Notwendigkeit.
„Jekke“ – ein Begriff, der zwei Völker verbindet
Wer die Jeckes kennt, kennt ein Stück der gemeinsamen Geschichte beider Völker. Wie beim Abend der Stiftung Verbundenheiti m Haus des Deutschen Ostens in München vergangene Woche eindrücklich deutlich wurde: In Israel ist der Begriff „Jecke“ nicht nur ein Synonym für die jüdischen Einwanderer aus Deutschland. Er ist im alltäglichen Sprachgebrauch gleichbedeutend mit „Deutscher“ – mit Deutschland und den Deutschen schlechthin. Kaum ein anderes Beispiel verdeutlicht so unmittelbar, wie tief die Jeckes die israelische Wahrnehmung Deutschlands geprägt haben – und welches Potenzial in diesem Erbe für die Bekämpfung von Vorurteilen, Feindbildern und Antisemitismus steckt.
Dezember 2025: Eine Delegation aus Israel in Berlin
Das erste Gespräch zwischen der Stiftung und Bundesministerin Prien hatte bereits im Dezember 2025 stattgefunden. Damals empfing Prien eine multigenerationale Delegation aus Israel, die auf Einladung der Stiftung Verbundenheit nach Berlin gereist war. Zu der Gruppe gehörten führende Vertreterinnen und Vertreter des Irgun Olej Merkas Europa, der Organisation der Israelis mitteleuropäischer Herkunft – der wichtigsten Partnerorganisation der Stiftung in Israel und authentischen Stimme der Jeckes-Gemeinschaft.
Die Berliner Delegation war Teil einer mehrtägigen Programmreihe, die neben dem Treffen mit Bundesministerin Prien auch eine Begegnung im Deutschen Bundestag sowie eine Reihe kultureller und institutioneller Gespräche umfasste. Sie dokumentierte eindrucksvoll das lebendige Interesse der Jeckes-Gemeinschaft am Erhalt ihrer Bindungen an Deutschland – und die Bereitschaft der deutschen Seite, diese Bindungen ernst zu nehmen und zu fördern.
Mai 2026: „Die Jeckes und ihr Erbe – und die Generation von morgen“
Ein zentrales Element dieser Arbeit ist die Verbreiterung des Bewusstseins für das Jeckes-Erbe in Deutschland selbst – ein Anliegen, das auch im Gespräch mit Bundesministerin Prien eine wichtige Rolle spielte. In diesem Sinne steht der Abend vom 19. Mai 2026 im Haus des Deutschen Ostens in München: Unter dem Titel „Die Jeckes und ihr Erbe – und die Generation von morgen" versammelten sich Zeitzeugen, Nachkommen und kulturelle Akteure zu einem Abend der Erinnerung und des Gesprächs, der die Jeckes und ihre Geschichte einem Münchner Publikum näherbrachte. Als Mitveranstalter wirkte Werner Sonne; auf dem Podium saßen neben ihm Dr. Ludwig Spaenle, Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, sowie Dor Glick, Israel-Projektmanager der Stiftung Verbundenheit.
Der Abend machte einmal mehr deutlich, wie wenig der Begriff „Jekke" – und damit das Bewusstsein für die Geschichte dieser Gemeinschaft – im heutigen deutschen Öffentlichkeitsbewussts einverankert ist. Genau hier liegt eine der wichtigsten Aufgaben des Projekts: nicht nur die Erinnerung in Israel zu pflegen, sondern das Wissen um die Jeckes auch in Deutschland wachzuhalten und für neue Generationen zugänglich zumachen.
Ein Projekt mit Tiefenwirkung
Die Stiftung Verbundenheit begleitet das Jeckes-Projekt in enger Partnerschaft mit dem Irgun Olej Merkas Europa. Diese Zusammenarbeit hat in den vergangenen zwei Jahren deutlich an Breite und Tiefe gewonnen: Sie umfasst institutionelle Vernetzung, kulturelle Veranstaltungen, parlamentarische Gespräche und das Engagement für eine formale Anerkennung des Jeckes-Erbes durch den Deutschen Bundestag.
Für das Jahr 2026 fördert der Bundestag das Projekt mit 200.000 Euro – ein Signal, das über eine Fördersumme weithinausgeht. Es ist ein Bekenntnis des deutschen Staates zur Pflege einer einzigartigen Gemeinschaft. Parallel dazu arbeitet die Stiftung Verbundenheit derzeit gemeinsam mit dem Büro des Antisemitismusbeauftragten der Bayerischen Staatsregierung, Dr. Ludwig Spaenle, auf eine offizielle Resolution durch den Deutschen Bundestag hin – eine Anerkennung der historischen Bedeutung und desbleibenden Beitrags der Jeckes für Deutschland, für Israel und für das Verhältnis beider Länderzueinander. Auf Vermittlung durch Bundestagspräsidentin Julia Klöckner hat auch das Referat für die internationale Austauschprogramme des Bundestags ein starkes Interesse bekundet, in Zusammenarbeit mit der Stiftung vermehrt qualifizierten jungen Israelis mit deutschen Wurzeln eine Chance zu geben, das deutsche Parlament von innen kennenzulernen und bei Abgeordneten zu arbeiten.
All diese Aktivitäten finden ihr Echo auch in den zahlreichen Kontakten der Stiftung Verbundenheit und dem Bundesministerium des Inneren, mit dem dieS tiftung eng bei der Umsetzung der Förderung des Jeckes-Projekts zusammenarbeitet. Dabei sind gute Fortschritte zu verzeichnen. Auch die jüngste Entscheidung für das Yad Vashem-Bildungsprojekt in München, das erste außerhalb Israels, bietet eine Möglichkeit der Zusammenarbeit, die die Stiftung nutzen wird, um jungen Jeckes einen Einblick in die deutsche Erinnerungskultur zugeben.
Das Gespräch mit Bundesministerin Prien vom 26. Mai 2026 fügt sich in diese Reihe konsequent ein. Das Jeckes-Projekt ist kein Nostalgieunternehmen. Es ist eine lebendige Brücke – zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Israel und Deutschland, zwischen Erinnerung, Verantwortung – und Hoffnung.



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