Im Oberschlesischen Eichendorff-Kultur- und Begegnungszentrum in Lubowitz / Łubowice fand die erstmalige Verleihung des „Helmut-Sauer-Preises für Jugendverständigung in Schlesien“ statt. Die von der Stiftung Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland gemeinsam mit Partnern, weiteren Stiftern und Renate Pommorin – der Schwester des Namensgebers Helmut Sauer – ins Leben gerufene Auszeichnung prämiert Jugendprojekte, die sich für Begegnung, Verständigung und eine gemeinsame Zukunft in der multikulturellen Region Schlesien stark machen. Im Fokus standen dabei Initiativen aus Polen, Tschechien und Deutschland, die das historische und kulturelle Erbe Schlesiens pflegen, sich mit dem Heimatbegriff aus junger Perspektive auseinandersetzen, das Zusammengehörigkeitsgefühl in Europa fördern und die Brückenfunktion der deutschen Minderheiten würdigen.
Nach einer musikalischen Begrüßung durch die Violinistin Karolina Świerczek richtete der Hausherr, Martin Lippa, Vorsitzender des Oberschlesischen Eichendorff-Kultur- und Begegnungszentrums in Lubowitz / Łubowice, Vizevorsitzender des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG) sowie Vorsitzender des DFK Schlesien, einige Worte an die versammelten Gäste. Er betonte die besondere Bedeutung des Ortes Lubowitz / Łubowice und wie gut dieser zur ersten Verleihung des Helmut-Sauer-Preises passe, da er sowohl für die Deutsche Minderheit, die Region Schlesien als auch für das deutsch-polnische Verhältnis durch den bekannten Romantiker Joseph von Eichendorff sehr wichtig sei.
In ihrem Grußwort ging die neue Konsulin der Bundesrepublik Deutschland in Oppeln/Opole, Frau Marlen Sulzer, auf die Wichtigkeit des Engagements der Jugend ein, die in all den beworbenen Projekten des Helmut-Sauer-Preises nicht nur an den Initiativen und Maßnahmen teilgenommen habe, sondern diese Projekte auch selbst initiiert und durchgeführt habe und so praktisch Schlesien und die eigene Heimat und Identität erfahren habe.
Hartmut Koschyk, Stiftungsratsvorsitzender der Stiftung Verbundenheit, bedankte sich für die für die Möglichkeit, die erste Verleihung des „Helmut-Sauer-Preises für Jugendverständigung in Schlesien“ in Lubowitz / Łubowice durchführen zu dürfen. Er unterstrich, dass die deutschen Minderheiten ohne aktive Jugendarbeit keine Zukunft haben. Der Preis sei ein essenzieller Baustein einer „Kultur der Anerkennung“ für die Initiativen junger Menschen, die in Polen, Tschechien oder Deutschland die schlesische Kultur fortführen.
Bei der Premiere des Wettbewerbs, die von Dominik Duda, Teamleiter der Stiftung Verbundenheit für Mittel- und Osteuropa, moderiert wurde und zu der mehr als fünfzig Zuschauer und Gäste kamen, begleitete die schlesische Nachwuchsviolinistin musikalisch und mit einer passenden Auswahlzeitgenössischer und klassischer Stücke, ehe es zur Verleihung der Preise kam. Insgesamt zehn Projekte aus den drei Ländern wurden im weiteren Verlaufe des Nachmittags ausgezeichnet.
Der erste Platz ging an das Medienprojekt „HalloRadio Hultschin“ der Gemeinschaft schlesisch-deutscher Freunde im Hultschiner Ländchen in Tschechien, das sich der Ausbildung und beruflichen Entwicklung des journalistischen Nachwuchses widmet. Den Generationenwechsel zu schaffen, junge Menschen journalistisch auszubilden und über die Deutsche Minderheit positive und aktive Nachrichten nach außen zu tragen, braucht es in der heutigen Zeit mehr denn je, so die Laudatoren. Die Vorsitzende Marie Roncka nahm nach der sehr bewegenden Laudatio die Urkunde aus den Händen von Christian Nitsche und Renate Pommorin entgegen und freute sich über die Unterstützung des seit vielen Jahren bestehenden Medienprojektes.
Den zweiten Platz erhielt das Projekt „Durch die Heimat auf zwei Rädern“ des Deutschen Freundschaftskreises in Guttentag/Dobrodzień, welches unter der Leitung des DFK-Vorsitzenden Mattheus Czellnik sportliche Aktivitäten mit der Entdeckung der lokalen Geschichte und des kulturellen Erbes verknüpft. Der Geschäftsführer der Stiftung Verbundenheit, Sebastian Machnitzke, bezeichnete anstelle des leider erkrankten Christoph Zalder, stellvertretender Landesobmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Baden-Württemberg, die Initiative als besonders wertvoll, da die Jugendlichen selbst für alle Generationen von der Idee über die Planung bis zur Durchführung das lokale Erbe lebendig halten und sich für die Integration vor Ort einsetzen.
Der dritte Platz wurde aufgrund der exakt gleichen Anzahl nach Punkten der Jury geteilt. Einerseits wurde das Haus Schlesien für sein Projekt „Academia Silesia“ ausgezeichnet. Die „Academia Silesia“ ist ein Bildungs- und Begegnungsprojekt, das sich vorrangig an Studierende sowie Nachwuchswissenschaftler richtet und in Kooperation mit mehreren mitteleuropäischen Hochschulen Fachtagungen und Seminare organisiert, die die Geschichte und Kultur Schlesiens in einen modernen, europäischen Kontext setzen. Die Vernetzung junger Multiplikatoren mit Schlesienbezug im akademischen Bereich aus Ländern wie Deutschland, Polen, Tschechien, aber auch Belgien und Frankreich waren dabei. Andererseits wurde der Bund der Jugend der Deutschen Minderheit in der Republik Polen (BJDM) für das Projekt „Wurzeln der Identität“ prämiert. Das Projekt wurde von Jugendlichen für Jugendliche der Deutschen Minderheit veranstaltet, um ihnen die Möglichkeit zu geben, sich intensiv mit der regionalen Geschichte, Kultur und den eigenen Herkunftswurzeln auseinanderzusetzen. Das zentrale Ziel des Projekts besteht darin, das Geschichtsbewusstsein der jungen Generation zu schärfen, den Austauschuntereinander zu fördern und somit die eigene Identität nachhaltig zu stärken. Stephan Rauhut, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien, würdigte in seinen Laudationes auf das Haus Schlesien sowie auf den BJDM die wissenschaftliche Herangehensweise beider Projekte sowie den Weitblick, den beide Projektegrenzüberschreitend der Region Schlesien gegeben haben. Adam Wojtala, Referent der Bildungs- und Vermittlungsarbeit im Dokumentations- und Informationszentrum des Hauses Schlesien sowie Michael Materlik, Projektmanager des BJDM inOppeln/Opole, nahmen die Preise entgegen.
Auch die weiteren Projekte auf den folgenden Plätzen, die Projekte „Stadtrallye“ und „Heimatkunde. Meine Heimat und ich.“ des BJDM, das Themenheft „Heimat“ des Jugendmagazins der Deutschen Minderheit in Polen namens „Antidotum“, das Theaterprojekt „Jugendbox“ des Verbandes deutscher sozial-kultureller Gesellschaften in Polen (VdG) , der Deutsche Liederwettbewerb „Superstar“ und der Rezitationswettbewerb „Jugend trägt Gedichte vor“ des Sozial-kulturellen Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien (SKGD) sowie das Kinder- und Jugendangebot des Dokumentations- und Ausstellungszentrums der Deutschen in Polen (DAZ) wurden mit Teilnahmeurkunden bedacht. Entgegengenommen wurden diese Preise von Rafał Bartek, Vorsitzender des VdG und der SKGD, sowie der Vizevorsitzenden des BJDM, Anna Franik.
Nachdem die Partner der Stiftung Verbundenheit, die Organisatoren und Jurymitglieder mit kleinen Gastgeschenken aus Bayreuth durch den Stiftungsratsvorsitzenden Hartmut Koschyk beschenkt wurden, lud er alle Anwesenden zu einem weiteren Austausch bei schlesischem Kuchen und Kaffee ein.

Im Anschluss an die Veranstaltung begaben sich die Teilnehmer der Preisverleihung in die naheliegende Lubowitzer Pfarrkirche „Mariä Geburt“ zur Vorabendmesse in Gedenken an Helmut Sauer. Diese wurde vom örtlichen Pfarrer Michał Krupa gemeinsam mit dem ehemaligen Minderheitenseelsorger Dr. Peter Talinski gehalten wurde. Die Messe wurde in deutscher, polnischer sowie lateinischer Sprache gehalten und gesungen. Nach der Messfeierwandte sich Pfarrer Tarlinski an die Anwesenden und erinnerte an das Lebenswerk Helmut Sauers sowie seinen Einsatz für die Region Schlesien. Er betonte die große Bedeutung des Aufrechterhaltens des Friedens der Verständigung zwischen Deutschland und Polen und Schlesiern sowie der wichtigen Rolle der Identität, die gerade bei der Entwicklung junger Menschen eine wichtige Rolle spielt, um sich der Heimat, der Sprache, der Kultur und Traditionen verbunden zu fühlen. Gerade die Verbundenheit und besonders Weltverbundenheit seien dabei wichtige Faktoren, über Grenzen hinweg Verständigung und ein gutes Miteinander zwischen Menschen pflegen zu können.
Die Schlossruine der Familie von Eichendorff in Lubowitz/Łubowice
Während ihres Aufenthaltes in Lubowitz/Łubowice besichtigte die Vertreter der Stiftung Verbundenheit gemeinsam mit dem Vorsitzenden des Oberschlesischen Eichendorff-Kultur- und Begegnungszentrums, Martin Lippa, sowie dem Vizevorsitzenden des Eichendorff-Vereins in Lubowitz/Łubowice, Henryk Wochnik, die Schlossruine Lubowitz, den Geburtsort des bedeutenden Dichters Joseph von Eichendorff. Beide setzen sich seit vielen Jahren mit großem Engagement für den Erhalt der historischen Anlage ein und verfolgen das Ziel, die Ruine in das polnische Denkmalregister eintragen zu lassen.

Im Rahmen des Besuchs konnte der Stiftungsratsvorsitzende Hartmut Koschyk mitteilen, dass der Freistaat Bayern die Bemühungen um den Erhalt und die denkmalpflegerische Sicherung der Schlossruine aktivunterstützen wird. Auf Initiative der Stiftung Verbundenheit und mit maßgeblicher Unterstützung der Bayerischen Landesbeauftragten für Aussiedler und Vertriebene, Dr. Petra Loibl MdL, sowie des Bayerischen Staatsministers für Wissenschaft und Kunst, Markus Blume MdL, wurde das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege gebeten, seine fachliche Expertise in den weiteren Prozess einzubringen.

Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege hat seine Bereitschaft erklärt, die polnische Denkmalpflege im Rahmen der Amtshilfe beider fachlichen Begutachtung der Schlossruine sowie bei der Entwicklung eines restauratorischen Konzepts zu unterstützen. Als nächster Schritt wurde eine gemeinsame Begehung der Schlossruine mit allen beteiligten Partnern angeregt, um die aktuelle Situation vor Ort eingehend zu bewerten, fachliche Einschätzungen auszutauschen und mögliche Konzepte für die Sicherung und künftige Restaurierung der Anlage zu erarbeiten.

Die Teilnehmer begrüßten diese Perspektive ausdrücklich. Ein besonderer Dank galt der Bayerischen Landesbeauftragten Dr. Petra Loibl MdL, sowie dem Bayerischen Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Markus Blume MdL, deren Engagement maßgeblich dazu beigetragen hat, die notwendige fachliche Unterstützung des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege für dieses bedeutende deutsch-polnische Kulturerbe auf den Weg zu bringen.





