Interview über die Parlamentswahlen in Ungarn mit Prof. Dr. Ildikò Erika Stephanie Risse, Professorin für Germanistische Sprachwissenschaften/Mehrsprachigkeit an der Freien Universität Bozen und Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Verbundenheit. Originaltext erschienen im Online-Medium "Salto". Interview führte der ungarische Journalist Valentino Liberto.

SALTO: Frau Professorin Risse, wie haben Sie das gestrige Wahlergebnis in Ungarn erlebt?
Stephanie Risse: Ich möchte drei Dinge vorausschicken: Als überzeugte Europäerin hat mich die Euphorie angesteckt, die gestern Abend von Budapest ausging! Ich freue mich vor allem – wie sehr viele andere auch –darüber, dass die Ungarn das System von Viktor Orbán so deutlich, mit einer Zweidrittelmehrheit, abgelehnt haben. Ich freue mich aber auch als Nachfahrin sehr stolzer Ungarn, nämlich meiner mütterlichen Familie.
SALTO: Hinter Ihrer Freude steht also eine persönliche und familiäre Geschichte…
Meine inzwischen verstorbene Mutter war 1956, damals noch Studentin, auf den Straßen von Budapest und kämpfte gemeinsam mit meiner Großmutter für die Freiheit, indem sie sich den sowjetischen Panzern mit großem Mut entgegenstellte. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen, Anführer wie Imre Nagy wurden hingerichtet; auch meine Familie war in Gefahr. Nachdem meine Großmutter bereits zweimal geflohen war, fiel es der Familie schwer, erneut zu fliehen: nachts, zu Fuß, mit nur einem Rucksack, liefen sie über die Felder, bis sie nach Österreich gelangten, und erreichten schließlich über London München. Diese Geschichte steht stellvertretend für fast eine Viertelmillion Ungarn, die damals flohen; sogar an der Talfer in Bozen gibt es ein Denkmal, das an die „Märtyrer“ jener Zeit erinnert. In diesem Sinne bin ich mit einem Teil dieser sehr schmerzhaften Geschichte aufgewachsen, auch wenn man mir das nicht ansehen und anhören würde, da ich nur rudimentäre Ungarischkenntnisse habe.
SALTO: Und doch bleibt Ungarn aus europäischer Sicht eine Unbekannte. Wie erklären Sie sich das?
Man muss verstehen, dass die ungarische Geschichte sehr komplex ist, dass sich die Ungarn oft auch von Europa missverstanden fühlen, aufgrund ihrer ungewöhnlichen Sprache und auch aufgrund der Tatsache, dass das 20. Jahrhundert mit seinen blutig erzwungenen Grenzverschiebungen sehr viele Ungarn zu Ungarn der Diaspora/Auslandsungarn gemacht hat.
SALTO: Warum ist die Minderheitenfrage so entscheidend für das Verständnis des heutigen Ungarns?
Das Thema der Minderheiten – und damit komme ich zu meinem dritten Punkt – ist in zweierlei Hinsicht ein entscheidender Faktor, wenn man Ungarn betrachtet. Und genau hier sehe ich auch die Verbindung zu uns, zu Südtirol. Erstens gibt es die sogenannten Ungarn der „Diaspora“, also jene, die aus verschiedenen Gründen das Land verlassen haben, die meisten davon nach Deutschland und Österreich, aber auch nach Übersee; dann gibt es eine große Zahl von ethnischen Ungarn, insbesondere in den Nachbarländern, nämlich Rumänien, Serbien, der Slowakei und eben auch der Ukraine. Man muss mit den Zahlen vorsichtig sein, da Zählungen schwer durchzuführen sind, aber es handelt sich vermutlich um etwa 3 Millionen Menschen. Und diese werden aus Sicht eines ungarischen Präsidenten stets berücksichtigt, ebenso wie die im Land lebenden sprachlichen Minderheiten.
SALTO: Verfügt Ungarn über spezifische Gesetze zum Schutz von Minderheiten?
Ende der 1990er Jahre entwickelte Ungarn ein für damalige Verhältnisse sehr modernes Minderheitengesetz, das den autochthonen ethnischen Minderheiten umfassende kulturelle und sprachliche Rechte in Form von Selbstverwaltung und parlamentarischer Vertretung garantiert. Dieses Gesetztrug entscheidend zum EU-Beitritt Ungarns im Jahr 2004 bei. Das Gesetz wurde2011 reformiert und funktioniert für einige Minderheiten recht gut, wie beispielsweise für die deutschsprachige Minderheit, die als „Schwaben“ bekannt sind. Problematisch bleibt die zahlenmäßig größte der 13 in der Verfassung anerkannten Gruppen, nämlich die Roma.
SALTO: Gibt es auch eine parlamentarische Vertretung?
Ich habe soeben aus Budapest erfahren, dass Gregor Gallai, der Kandidat der ungarischen Deutschen, nicht ins Parlament gewählt wurde. Er wird jedoch das Amt des Sprechers der Selbstverwaltung der ungarischen Deutschen übernehmen und sich so weiterhin für deren Interessen einsetzen können. In einem so zugespitzten Wahlkampf kommt es oft vor, dass sie zu lasten von Minderheiten ausgehen, da man sich in Ungarn – genau wie bei uns – als Angehöriger einer Minderheit registrieren lassen muss. Wie in Südtirol ist auch der Vertreter der deutschsprachigen Minderheit konservativ und setzt sich für deren Politik in den Bereichen Bildung, Sprache usw. ein. Aber es ist beeindruckend, dass es dort zweisprachige Schulen gibt…
SALTO: Kommen wir zurück zur aktuellen Politik. Wie ordnen Sie Orbáns anti-ukrainische Haltung vor diesem Hintergrund ein?
Ich glaube, dass auch bei Orbáns anti-ukrainischer Linie die ungarischen Minderheiten eine Rolle gespielt haben, denn die Ungarn wissen sehr wohl, dass „ihre“ Landsleute dort im Grenz gebiet leben. Und man darf das tiefe Misstrauen gegenüber den „Russen“ nicht unterschätzen, wie die Geschichte von 1956 zeigt. In diesem Sinne ist es Péter Magyar gelungen, Putins Propaganda zu entlarven. Zudem ist Magyar ausgesprochen konservativ; in letzter Zeit ist er mehrmals im traditionellen „Bocskai-Anzug“ aufgetreten, einer sehr modernen Variante mit Kordelverzierungen, wenn auch in dezenter Form.
SALTO: Was ist also von Péter Magyar zu erwarten? Viele in Europa blicken optimistisch auf seinen Sieg.
Man muss sich bewusst machen, dass ein sehr konservativer Politiker gewählt wurde, der in einigen Fragen sehr klare Signale gesetzt hat. Er beabsichtigt, dem korrupten System Orbáns ein Ende zu setzen, was innenpolitisch große Anstrengungen erfordern dürfte. Doch TISZA verfügt nun über die erforderliche Mehrheit, um auch Verfassungsänderungen verabschieden zu können. Dennoch sollten wir Europäer sehr aufmerksam sein, denn wir dürfen nicht vergessen, dass Viktor Orbán als sozial-liberale Hoffnung begann; die Autokratisierung und die fortschreitende Aushöhlung der demokratischen Institutionen konnten sich vollziehen, obwohl Ungarn in Europa integriert war.
SALTO: Welche Lehre kann Südtirol aus Ungarn ziehen?
Die Art und Weise, wie eine Demokratie mit Minderheitenumgeht, ist immer ein wichtiger Indikator, und das erleben wir auch in Südtirol am eigenen Leib. Es sollte in der politischen DNA der deutschsprachigen Südtiroler Bevölkerung verankert sein, dass rechte Regierungen, von konservativen bis hin zu autoritären, uns in Rom kaum etwas Gutes gebracht haben, außer Polemik und viel heiße Luft.


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