Datum
1.12.2023
Autor
Dominik Duda

#verbunden_mit Artur Shessler

Im Rahmen unserer Reihe von Mini-Interviews unter dem Hashtag #verbunden_mit stellen wir Ihnen interessante Menschen aus den Reihen der deutschen Minderheiten bzw. Personen und Persönlichkeiten und ihre Tätigkeiten vor, die eng mit den deutschen Minderheiten und Sprachgemeinschaften verbunden sind. Heute sprechen wir mit Artur Shessler, dem stellvertretenden Geschäftsführer der Deutschen Minderheit in Kirgistan und erstem Teilnehmer des Mentoring-Programms der Stiftung Verbundenheit.

Artur, Du bist nun bei der Deutschen Minderheit in Kirgistan stellvertretender Geschäftsführer der gesellschaftlichen Stiftung „Deutscher Humanitärer Hilfsfonds“. Für uns wäre interessant: Wie bist Du zur Deutschen Minderheit gekommen? Welcher Weg brachte Dich zur Deutschen Minderheit in Kirgistan? Hat Deine Familie deutsche Wurzeln? Wie hast Du Deutsch gelernt?

Mein Weg der Sozialisierung in der Deutschen Minderheit begann schon früh, ich war damals etwa fünf oder sechs Jahre alt. Ich begann diesen Weg dank meiner Großmutter, die aktiv an den Veranstaltungen des Volksrats der Deutschen der Kirgisischen Republik teilnahm. Ich erinnere mich, dass sie mich oft zu verschiedenen Veranstaltungen im Deutschen Haus mitnahm. Später, in einem bewussteren Alter, nahm ich an einem Sommer-Sprachcamp teil, wo ich neue Freunde und Gleichgesinnte fand. Und 2019 wurde ich zum Vorsitzenden der deutschen Jugendorganisation gewählt. Was meine Wurzeln angeht: Ja, meine Eltern sind Abkömmlinge von Wolgadeutschen. Trotzdem sprach die Oma nur selten über ihre Kindheit und Jugend und begründete dies damit, dass sie ein Jahr alt war, als sie in die Wolga-Region zogen. Und meine Mutter wurde im Dorf Boevoy, BezirkIsilkusky, Region Omsk geboren und dann zogen sie nach Kirgisistan in die Stadt Bischkek. Ich habe begonnen, Deutsch zu lernen, indem ich Deutschkurse im Deutschen Haus besuchte und ich besuche auch heute noch Deutschkurse.

Du hast als junge Person schon viel Verantwortung. Wie kam es dazu, dass Du jetzt schon stellvertretender Geschäftsführer bist?

Ich glaube, dass alles von der Persönlichkeit eines jeden Menschen abhängt. Jemand zeigt schon in jungen Jahren seine Führungsqualitäten, und jemand fühlt sich im Gegenteil in der Rolle eines Untergebenen wohl. Außerdem glaube ich, dass es Menschen gibt, die Angst haben, Verantwortung zu übernehmen und später für die Folgen ihrer Entscheidungen verantwortlich zu sein. Aber mir fällt es leichter, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen, weil ich später weiß, dass diese Entscheidungen von mir getroffen wurden und nur ich für ihre Folgen verantwortlich sein werde. Daher versuche ich, bei meiner Arbeit die vernünftigsten Entscheidungen zu treffen, die später zu positiven Ergebnissen führen. Nun, was meinen Weg zu dieser Position betrifft, so begann er mit dem Leiter eines deutschen Jugendverbandes in Kirgisistan, dann wurde ich Projektkoordinator für die Arbeit mit Partnern und koordinierte auch Projekte im Zusammenhang mit der Förderung der Avantgarde. Dann wurde ich Koordinator der Jugendarbeit und schließlich stellvertretender Geschäftsführer.

Du hast als erster Kandidat bei der Stiftung Verbundenheit ein Mentoring mitgemacht. Was hast Du in der Zeit gemacht? Was konntest Du Neues lernen und welche Erfahrungen hast Du mitgenommen für Dich und Deine Arbeit?

Das Mentoring-Programm bestand aus vier Phasen. Die erste Phase fand in Bayreuths statt und umfasste unter anderem die Punkte des Veranstaltungsmanagements, der politischen Repräsentation, der Zusammenarbeit mit Behörden und auch der Einwerbung von Drittmitteln. Auch über die Geschäftsführung, die Öffentlichkeitsarbeit und das Finanzmanagement konnte ich neue Einblicke bekommen. Die zweite Phase des Programms war in Goslar mit dem Vorsitzenden des Stiftungsvorstands, wo die Zusammenarbeit der Gremien, das Zusammenwirken mit Behörden auf kommunaler Ebene und die Zusammenarbeit mit Stadtverwaltungen behandelt wurden. In der dritten Phase konnte ich mit dem für Zentralasien zuständigen Team der Stiftung Verbundenheit am Zuwendungsrecht und am Förderzyklus-Programm arbeiten, also Zuwendungsanträge, Sachberichte und das Monitoring genauer sehen. Die letzte Phase ist die Online-Beratung, bei der geeignete Mentoren für alle aufkommenden Fragen zur Verfügung stehen. An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass ich durch dieses Programm viele Erfahrungen und neue Kenntnisse sammeln konnte, die ich bereits versuche, an die lokalen Realitäten anzupassen und in den Tätigkeiten der GS DHHF umzusetzen.

Das klingt nach einer intensiven, aber interessanten Zeit. Welche Projekte sind Deiner Meinung nach die wichtigsten Projekte der Deutschen Minderheit in Kirgistan in diesem Jahr? Was plant Ihr für 2024? Habt Ihr etwas Neues?

In diesem Jahr gibt es meiner Meinung nach einige wichtige Projekte, die zur Erreichung unseres Ziels beitragen. Eines davon ist das „Netz der Begegnungsstätten“, ein Kultur- und Ausbildungsprojekt, mit dessen Hilfe eines der Hauptziele des Volksrats des Deutschen realisiert wird - Erhaltung der ethnokulturellen Selbstidentität der Deutschen Minderheit. Im Rahmen des Projekts werden die Veranstaltungen mit ethnokulturellem Charakter, also Feste, historische Seminare, Präsentationen, Treffen der Generationen und ähnliches durchgeführt. Aber es werden auch Ausbildungsprojekte wie Seminare, Sprachklubs oder Maßnahmen für Multiplikatoren veranstaltet. Auch der Kultur- und Unterhaltungscharakter kommt in diesem Projekt nicht zu kurz. Es gibt Ausstellungen, Wettbewerbe oder Festivals. Für 2024 sind dann viele neue Projekte geplant, aber eines der zentralen Projekte wird das Festivalprojekt "Wolgadeutsche Hochzeit" sein. Das Ziel des Projekts ist es, die Traditionen, Bräuche und Sitten einer deutschen Hochzeit vorzustellen.

In Kirgistan habt Ihr als aktive Deutsche Minderheit viele Projekte, die auch für andere Minderheiten interessant sind. IT-Landschaft ist so ein Projekt. Um was geht es? Und wie könnte man es schaffen, dass auch die anderen deutschen Minderheiten so ein Niveau erlangen?

Das Ziel des Projekts ist eine Steigerung des Vernetzungsgrad der Selbstorganisation der Deutschen Minderheit in Kirgistan. Die Mitglieder und Vertreter der Deutschen Minderheit sollen auf diese Weise auch direkter und besser über über die Tätigkeit des DHHF und das Programm des Bundesministeriums des Innern und für Heimatinformiert werden. Ein weiteres Ziel ist die Verbesserung der internen Kommunikation: also eine Erhöhung des Informationsflusses und des Erfahrungsaustauschs innerhalb der Deutschen Minderheit und gegenüber der Mehrheitsbevölkerung. Zu guter Letzt dient dieses Projekt in einer Welt, die derart von den Medien dominiert wird, als zentrales Instrument zur Darstellung der Selbstorganisation innerhalb und außerhalb des Staates. Wir unsererseits sind jederzeit bereit, unsere Erfahrungen und unser Wissen über dieses Projektweiterzugeben, und die Stiftung Verbundenheit könnte dabei gut als Plattform für den Austausch von Erfahrungen und Informationen mit anderen Deutschen Minderheiten dienen.

Wie bei anderen deutschen Minderheiten – z.B. in Polen - gibt es auch bei Eurer Deutschen Minderheit in Kirgistan deutschsprachige Fußballschulen. Es ist ein sehr gutes Projekt mit viel sportlichem Erfolg. Wie wollt Ihr das Projektweiterentwickeln? Wie ist die Idee?

Die Idee hinter diesem Projekt ist es, das Interesse am Erlernen der deutschen Sprache durch Sport zu wecken, indem die Jungen und ihre Eltern in die Aktivitäten mit einbezogen werden. Darüber hinaus trägt das Projekt dazu bei, die Bekanntheit der Selbstorganisation durch die Teilnahme an regionalen Turnieren zu erhöhen, bei denen unsere Spieler ihre Deutschkenntnisse unter Beweis stellen und in Trikots mit Symbolen der Selbstorganisation spielen. Für die Zukunft planen wir, dieses Projekt auf nationaler Ebene unter Einbeziehung interessierter Kreise und möglicher Finanzierung durch Dritte weiterzuentwickeln. Es ist dafür jedoch notwendig, das Projekt zunächst mit einem Konzept zu erarbeiten und bekannt zu machen, um eine möglichst große Zahl an Interessierten zu gewinnen.

Was sind für Dich die wichtigsten Pläne und Herausforderungen für die kommenden Jahre für die Deutsche Minderheit in Kirgistan? Was ist die größte und wichtigste Aufgabe?

Zunächst einmal möchten wir uns darauf konzentrieren, neue aktive Teilnehmer für unsere Aktivitäten zu gewinnen, denn neue Leute bringen immer neue Ideen, neue Ambitionen und neue Projekte mit sich. Darüber hinaus möchten wir das Image der Jugend- und Spracharbeit verbessern, indem wir neue Projekte in unsere Aktivitäten aufnehmen.

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