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Datum
6.5.2026
Autor

#verbunden_mit Erika Rosenberg‑Band

In der Reihe #verbunden_mit stellt die Stiftung Verbundenheit Menschen vor, die durch ihr Engagement Brücken schlagen zu deutschen Minderheiten und Sprachgemeinschaften. In dieser Ausgabe ist die Biografin, Journalistin, Dolmetscherin und Zeitzeugin Erika Rosenberg‑Band unser Interview-Gast. Durch ihr Wirken verbindet sie auf einzigartige Weise Erinnerungskultur und Verantwortung zwischen Argentinien und Deutschland – und leistet einen bedeutenden Beitrag zur Aufarbeitung des Holocaust. Erika Rosenberg‑Band wurde 1951 in Buenos Aires, Argentinien, geboren. Ihre Eltern waren deutsche Juden, ein Jurist und eine Ärztin, die 1936 aus Deutschland über Paraguay nach Argentinien flohen, um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entkommen. In Buenos Aires wuchs sie in einer kulturell vielfältigen Umgebung auf und bildete sich in Sprachen, Literatur und Geschichte weiter.

1990 lernte sie durch ein Interview die damals hochbetagte Emilie Schindler kennen, die Witwe von Oskar Schindler. Oskar und Emilie Schindler retteten während des Holocaust über 1.200 jüdischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern das Leben. Mit dem 1993 erschienenen Film „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg wurde Oskar Schindlers mutiges Handeln im Nationalsozialismus weltweit bekannt. Rosenberg-Band führte intensive, stundenlange Gespräche mit Emilie Schindler und zeichnete sie per Tonband auf.  Daraus entstand die Biografie „In Schindlers Schatten“, die 1997 erschien. Rosenberg‑Band übernahm nach Emilie Schindlers Tod 2001 Aspekte des Nachlasses und setzte sich dafür ein, deren Stimme öffentlich zu machen.

Ihre berufliche Laufbahn führte Erika Rosenberg-Band unter anderem als Dozentin am Goethe‑Institut Buenos Aires, an der Katholischen Universität Buenos Aires und als Ausbilderin zukünftiger Diplomaten im argentinischen Außenministerium. Sie verfasste neben den Biografien zu Oskar und Emilie Schindler weitere Werke zu Persönlichkeiten wie Carl Lutz oder über Papst Franziskus aus Argentinien.

Sie befasst sich seit langer Zeit mit dem Thema „Einwanderung“ in Argentinien und Lateinamerika und verfasste ein Werk über das Leben und die Leistung eines deutschen Einwanderer im Jahre 1862. Wilhelm Lehmann aus Sigmaringendorf in Baden-Württemberg emigrierte nach Argentinien und gründete in der Provinz Santa Fe ein Kolonisierungsunternehmen. 16 Dörfer und Städte bedanken ihm ihre Existenz. Die Städte Rafaela und Esperanza erinnern und würdigen seine große Leistung.

Für ihr Engagement wurde sie 2015 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet und 2016 mit dem Austrian Holocaust Memorial Award geehrt.

Die Stiftung Verbundenheit freut sich, eine Persönlichkeit mit einem solch beeindruckenden Lebenswerk als Interview-Gast willkommen zu heißen.

Frau Rosenberg-Band, wir haben in Form eines Videos auf Emilie Schindler, die Ehefrau des bekannten Oskar Schindler, aufmerksam gemacht und die historische Persönlichkeit ein wenig näher dargestellt. Was hat aus Ihrer Sicht Emilie Schindler ausgemacht und wie hat sie auch beigetragen zum Werk ihres Ehemannes?

Wie bei allen Geschichten gibt es immer eine wahrhafte, dokumentierte und eine offizielle, entweder aus Hollywood, wie im Fallvon „Schindlers Liste“, oder Wikipedia oder KI stammende. Emilie Schindler war die Frau an Oskar Schindlers Seite seit Kriegsanfang. Sie unterstützte ihren Mann mit Wort und Tat. Die Überlebenden nannten sie „Der Engel von Krakau und Brünnlitz“. In den letzten mehr als 30 Jahren habe ich mit genau 22 Überlebenden von Schindlers Liste gesprochen. Bei jedem Interview wurde immer wieder die große Leistung der Ehefrau von Oskar, Emilie Schindler geb. Pelzl, betont.

Eigenständig rettete sie einen Transport mit 120 Juden im Januar 1945. Die Goleschauer, so nannte man sie, kamen aus einem Steinbruch in Polen und die SS suchte eine Fabrik, wo sie arbeiten sollten. Es waren schon die letzten Monate des Krieges und dieser Transport fuhr ca. drei Wochen herum. Keine Fabrik wollte sie aufnehmen. Die Schindler-Fabrik in Brünnlitz,Tschechien, war die letzte Station. Oskar war zu dem Zeitpunkt unterwegs. Emilie nahm die hungrigen und kranken Juden auf. Sie befanden sich im bedenklichen Zustand und mussten medizinisch behandelt werden, denn alle litten an Hungerödemen. Emilie organisierte ein Lazarett und betreute die 120 zusammen mit Krankenschwertern und Ärzten selbst. Ist das nicht eine heldenhafte, zivilcouragierte und menschliche Tat? Wie kann man es vergessen?

Was kann in der heute politisch und gesellschaftlich durchaus als angespannt und komplex zu nennenden Zeit von Emilie Schindler gelernt werden?

Absolut alles. Emilie, ihre Taten, ihre menschliche und tapfere Haltung ist mehr als inspirierend. Sie hat sich zivilcouragiert und mutig für leidende Menschen eingesetzt, ohne zu fragen, an was sie glaubten, welche Farbe hatte ihre Haut, welche Status die Familien. Sie hat Menschen einfach geholfen und sie gerettet. Es ist die Geschichte einer Frau mit vielen Werten, Werte verändern sich nicht, eingebettet in der Geschichte des 2. Weltkrieges. Komplex war es damals genug, denn, die Gefahren von den Nazis ertappt zu werden, lauerten in jedem Winkel. Ich fragte sie einmal, ob sie keine Angst hatte: Ihre Antwort war kurz und bündig… Angst ist immer ein schlechter Begleiter!

Wie kann die deutschsprachige Gemeinschaft in Lateinamerika etwas für die Aufarbeitung und die Erinnerung an den Holocaust beisteuern? Welche Aufgabe und auch Rolle kann die junge Generation dabei spielen?

Einfach niemals vergessen, dass es bei einem Krieg keine Gewinner gibt. Ganz im Gegenteil, alle sind Verlierer. Im 2. Weltkrieg sind ca. 60 Mio. Menschen umgekommen. Man spricht zuallernächst von Holocaust, Genozid, Völkermord. Hitler hat mit Juden angefangen, danach ging es mit Homosexuellen, Sozialisten, Kommunisten, Sinti und Behinderten weiter. Martin Niemöller zitierte: „Zuerst kamen sie für die Juden, und ich schaute schweigend zu; dann kamen sie für die Sozialisten, und ich schaute schweigend zu, dann kamen sie für mich, und da war niemand mehr, der protestieren konnte“. Die Thematik soll immer wieder durcharbeitet werden, sich damit auseinandersetzen und verstehen, dass alle Menschen gleich sind!  

Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach die jüdisch-deutsche Geschichte in Lateinamerika für die Erinnerungskultur beider Kontinente – und welche Aspekte werden dabei oft übersehen?

Meiner Meinung nach hat Lateinamerika ein anderes Konzept der Erinnerungskultur. Eine Sache ist das Fach Geschichte an Schulen zu unterrichten, auf fremden Boden unter anderen Perspektiven, plakativ. Mit einem Wort ist das nur ein Teil der Geschichte, von dem man dort nicht betroffen wurde, mindestens nicht direkt. Auch die jüdischen Einwanderer, die meisten sind schon tot, wollten selbst davon nicht mehr reden. Das Thema war die große Verdrängung. Meine Eltern haben niemals drüber gesprochen. Und die Verdrängung lässt vieles übersehen.

Sie leben zwischen Argentinien und Deutschland: Was bedeutet für Sie „Verbundenheit“ mit Deutschland?  

Wenn ich ehrlich sein sollte, würde ich sagen, ich fühle mich in der Art verbunden, weil meine Eltern aus dem Old Germany kamen. Ich bin selbst in Buenos Aires geboren, aber manchmal stellt sich die Frage, was verbindet „mich“ mit Argentinien? Ich bin als Mensch ein Teil des Universums und gehöre keinem Mikrokosmos. Vielleicht weil ich selbst zwischen den Welten immer pendle. AufSpanisch sagt man: "No soy de aquí, ni soy de allá! Heimatlos? Oder Universalist?

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