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Datum
16.6.2026
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„Von der alten Heimat zu der neuen Heimat“: Ein Abend über deutsch-jüdisches Kulturerbe, Erinnerung und Verantwortung

Im Kleinen Vortragssaal des Jüdischen Gemeindehauses in derFasanenstraße lud die Stiftung Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland zurPodiumsdiskussion „Jüdisches Kulturerbe weltweit als Auftrag für diedeutschsprachige Gemeinschaft und Deutschland – von Venezuela bis Israel“ – inKooperation mit dem Moses Mendelssohn Institut. Was folgte, war ein Abend, dertief in die Geschichte des deutsch-jüdischen Erbes weltweit führte und zugleichdie Frage stellte: Was schulden wir dieser Geschichte heute? 

Stiftungsratsvorsitzender Hartmut Koschyk, Parlamentarischer Staatssekretär a.D., eröffnete den Abend mit einem Blick auf die Woche, die ihm vorausgegangen war: Eine Delegation von Vertreterinnen und Vertretern deutschsprachiger Minderheiten aus aller Welt war auf Einladung der Stiftung Verbundenheit nach Berlin gekommen – zu Gesprächen im Bundestag, im Bundesministerium des Innern, in der argentinischen Botschaft und anderswo. Ihr gemeinsames Anliegen: die Sicherung und Weiterentwicklung von Projekten zum Erhalt der deutschen Sprache und Kultur in der Diaspora. Dass diese Woche ausgerechnet mit einem Abend über deutsch-jüdisches Erbe, über Verlust und Bewahrung, über die lebendige Brücke zwischen Deutschland und Israel endete, konnte kaum passender sein.

Moderiert wurde der Abend von Dor Glick – Israel-Projektmanager der Stiftung Verbundenheit und freier Journalist, der sich seit Jahren mit Erinnerungskultur, der Bekämpfung des Antisemitismus und den deutsch-israelischen Beziehungen befasst.

Ein Ort, der spricht

Schon der Veranstaltungsort selbst setzte einen unüberhörbaren Rahmen. Als der Promo-Film zu „A Deal with the Devil?“ – dem Dokumentarfilm von Dr. Nava Michael-Tsabari von der Universität Tel Aviv – im Jüdischen Gemeindehaus in Berlin gezeigt wurde, war der Moment von besonderer Wucht. Der Film beleuchtet das umstrittene Haavara-Abkommen von 1933, das die Auswanderung jüdischer Menschen aus Deutschland nach Palästina fördern sollte – noch bevor die Nationalsozialisten die „Endlösung“ beschlossen hatten. Einen solchen Film,an einem solchen Ort zu zeigen, erzeugte eine Stille im Saal, die für sich sprach.

Dr. Nava Michael-Tsabari, selbst Jecke und Vertreterin des Irgun Olej Merkas Europa – der Vereinigung israelischer Staatsbürgermitteleuropäischer Herkunft –, berichtete anschließend von ihrer eigenen Familie und ihrer Verbindung zur deutsch-jüdischen Kultur. Das Kinderlied „Morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle faulen Leute“ sei Teil ihrer DNA,sagte sie – ein Satz, der im Saal Lächeln und stilles Wiedererkennen auslöste. Das Publikum, das schon den Promo-Film gebannt verfolgt hatte, bekam im Laufe des Abends einen kurzen Ausschnitt aus dem Film selbst zu sehen. Das verstärkte beiden Zuschauern den Eindruck, wie wichtig es ist, einen Film von solcher historischer Bedeutung nicht nur in Israel zu zeigen – dem Land, in dem er produziert wurde –, sondern auch hier in Deutschland.

Was ein Kind auf sein Bild schrieb

Dr. Elke-Vera Kotowski, Chefkuratorin der Moses Mendelssohn Stiftung, präsentierte in einer eindrucksvollen Bilderschau Zeichnungen von Kindern, die Deutschland verlassen mussten. Über eines dieser Bilder hatte ein Kind geschrieben: „Von der alten Heimat zu der neuen Heimat“ – ein Satz, der zum Leitmotiv des gesamten Abends wurde.

Dr. Kotowski sprach auch über die Bedeutung von Alltagsgegenständen und Möbeln als Träger von Erinnerung und deutsch-jüdischer Identität. Wer sein Land verlassen musste, nahm oft nur das Nötigste mit – und doch trugen diese Dinge eine ganze Welt in sich. Der Konsens des Abends war eindeutig: Ohne ausreichende Investition in die Dokumentation und Bewahrung solcher Objekte, Geschichten und Zeugnisse droht ein ganzes Universum mit dem Generationenwechsel zu verschwinden.

Von Caracas nach Berlin – und zurück

Arno Erdmann, geboren in Barquisimeto, Venezuela, heute Ehrenleiter des Beirats der Asociación Cultural Humboldt in Caracas, stellte sein Werk „Judíos de habla alemana en Venezuela / Die Juden deutscher Sprache in Venezuela“ vor – erschienen in Zusammenarbeit mit der Asociación Cultural Humboldt und der Hanns-Seidel-Stiftung. Auch dieses Buch erzählt, auf seine Weise, von der alten Heimat und der neuen – und von einer deutsch-jüdischen Identität, die den Ozean überquert hat.

Erdmann berichtete von einem befreundeten deutsch-jüdischen Zeitzeugen, der als Kind nach Venezuela gekommen war und dort zum ersten Malerlebte, dass andere Kinder ihn einfach zum Spielen einluden – ohne Rücksichtdarauf, dass er Jude war. Venezuela, so Erdmann, habe diesem Mann den Glauben an das Leben zurückgegeben. Und doch: Groll gegen das Nachkriegsdeutschland habe er nie gehegt. Aus dieser inneren Freiheit heraus vertiefte sich die Verbindung der deutsch-jüdischen Gemeinschaft Venezuelas zu Deutschland neu –auf einer anderen, freieren Grundlage.

Das Buch ist bislang auf Spanisch erschienen. Die Übersetzungins Deutsche – und in weitere Sprachen – ist in Vorbereitung. Ein Vorhaben, dasan diesem Abend breite Unterstützung fand.

Deutschland und Israel – eine gemeinsame Aufgabe

Den Abend beschloss Werner Sonne, langjähriger ARD-Journalist, Kuratoriumsmitglied und Israel-Beauftragter der Stiftung Verbundenheit. Er skizzierte das laufende Jeckes-Projekt der Stiftung: In enger Partnerschaft mit dem Irgun Olej Merkas Europa arbeitet die Stiftung daran, das deutsch-jüdische Erbe in Israel zu dokumentieren und lebendig zu halten. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der jüngeren Generation der Jeckes-Nachkommen –Menschen, die das Erbe ihrer Großeltern tragen und es in die Zukunft führen sollen. Ein Projekt, das Brücken baut: zwischen Generationen, zwischen Ländern, zwischen einer schmerzhaften Geschichte und einer gemeinsamen Verantwortung.

Zum Abschluss des Abends kamen die Vortragenden zu einer gemeinsamen Podiumsdiskussion zusammen. Ihre Schlussfolgerung: Dieser Abend war nur ein Vorgeschmack. Denn deutsch-jüdische, „Jecke“ Gemeinschaften gibt es nicht nur in Israel, Venezuela oder den Vereinigten Staaten – sondern an fast jedem Punkt der Welt. Das ist eine Einladung, diese bedeutende Kultur zu erforschen und zu entdecken, die die Nationalsozialisten auszulöschen versuchten. Unsere gemeinsame Aufgabe ist es, sie freizulegen, ihren Reichtum sichtbar zu machen und sie weiterzuentwickeln – gerade gemeinsam mit der jungen Generation.

Was von diesem Abend bleibt, ist mehr als eine Zusammenfassung von Vorträgen und Buchpräsentationen. Es ist die Gewissheit, dass diese Geschichten nicht verloren gehen dürfen. Und die Bereitschaft, dafür einzustehen.

 

 

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