Im Rahmen unserer Interviewreihe unter dem Hashtag #verbunden_mit präsentieren wir regelmäßig Persönlichkeiten, die in besonderer Weise mit deutschen Minderheiten und Sprachgemeinschaften verbunden sind, aus ihnen stammen oder aus ihrem Umfeld kommen.
In der aktuellen Edition sprechen wir mit Boris Mašić, dem Vorsitzenden des Vereins "Adam Berenz" aus Apatin in Serbien über seinen Verein, die Tätigkeit der Deutschen Minderheit in Serbien und ihr Potential vor Ort.
Lieber Herr Boris Mašić, Sie kommen aus der Deutschen Minderheit in Serbien, sind Vorsitzender des Adam-Berenz-Vereins in Apatin. Wie ist die Situation für die Deutsche Minderheit vor Ort? Ist sie vom serbischen Staat anerkannt? Die Vereine der Minderheit sind geografisch breit verteilt?
Nach der politischen Wende in Serbien in den 1990er-Jahren hat die deutsche Minderheit nach schweren Jahren der Vertreibung und Unterdrückung des kommunistischen und des Milošević-Regime die Möglichkeit bekommen, sich in Vereinen zu organisieren. Vor dem Zweiten Weltkrieg hat die deutsche Minderheit in Vojvodina in 105 Ortschaften gelebt. Jetzt gibt es in Serbien nur noch ca. 3000 deklarierte Deutsche, aber nach unserer Schätzung gibt es auch noch etwa 4000 Leute, die deutscher Abstammung sind, und die sich bis jetzt nicht aus verschiedenen Gründen als Deutsche deklariert haben. Trotzdem gibt es 14 deutsche Vereine und eine Dachorganisation und das ist der Nationalrat der deutscher Minderheit Serbiens. Der Deutsche Verein "Adam Berenz" in Apatin ist im Jahr 2001 gegründet worden mit zwei Zielen. Mit dem Namen von Pfarrer "Adam Berenz",der den Widerstand in der deutschen Minderheit gegen den Nationalsozialismus in der Batschka geführt hat, wollten wir die Vorurteile gegen die Deutschen in Serbien brechen. Der zweite wichtige Teil unserer Arbeit war das deutsche Kulturerbe in der Vojvodina, das wir retten wollten. Diese Arbeit machen wir täglich. Wir haben ein Donauschwäbisches Kirchenmuseum, ein Archiv und eine Bibliothek in Apatin gegründet. Wir haben bis jetzt 40.000 Bücher gesammelt mit mehr als 2000 bibliofilischen Raritäten mit Büchern aus der Zeit vom 16. Bis zum 19 Jahrhundert. Unser großes Archiv beherbergt Kirchenarchive und private Archive mit mehr als 200.000 Dokumenten, die sehr wertvoll für das Deutschtum dieser Region sind. Teile der Kunst und der Kirchensammlung haben wir in einer Kirche ausgestellt und diese wird täglich von Touristen aus der ganzen Welt besucht.
Momentan leben in Apatin 115 Deutsche ,die registriert sind und noch ca. 100 Leute, die nicht registriert sind, wo es auch ein ziemlich großes Potential gibt für wirtschaftliche Entwicklung. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Apatin 14.000 Leute, die nach dem Krieg vertrieben wurden. Unser Verein ist registriert nach dem serbischen Gesetz und wir werden von unserer Stadtverwaltung auch sehr akzeptiert. Ja, die deutsche Minderheit ist in der Vojvodina (Batschka, Serbisches Banat und Syrmien) konzertiert.
Woher kommt Ihre Motivation, sich für das deutsche Kulturerbe vor Ort einzusetzen und warum ist dies gerade heute wichtig? Sie sprachen von der Wiedergutmachungspolitik?
Die Deutschen in Vojvodina waren ein sehr erfolgreiches und reiches Volk. Dieser ganze Reichtum ist nach dem Krieg zerstört worden. Das deutsche Kulturerbe in der Vojvodina ist in großer Gefahr - auch heute noch. Und wir versuchen zu retten, was noch möglich ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Deutschen hier unter großem Druck von verschiedenen Regimen und diesen Druck spüren wir heute noch. Sogar die Institutionen, die sich um das Erbe kümmern sollten, haben sich für das deutsche Erbe nicht eingesetzt. Wir haben uns dieser Missionsarbeit angenommen und versuchen täglich, das deutsche Erbe hier zu retten und für die Zukunft aufbewahren.
Wiedergutmachung ist ein anderer Prozess. Vor dem Krieg waren mehr als 50 Prozent der gesamten Landfläche der Vojvodina im Besitz der Deutschen und mehr als 60 Prozent der Industrie. Dieser große Reichtum war auch der größte Grund, warum man die Deutschen nicht nur enteignet, sondern auch vertrieben hat. Nach dem Restitutionsgesetz aus dem Jahr 2011 hat man auch den Donauschwaben ermöglicht, das Vermögen zu restituieren. Leider haben die meisten Donauschwaben nicht an diesen Prozess geglaubt und so haben nur 3Prozent der Donauschwaben das enteignete Vermögen für die Wiedergutmachung angemeldet. Dieser schwere Prozess der Wiedergutmachung läuft heute noch. Wir sind stark an diesem Prozess beteiligt, weil wir den Donauschwaben mitgeholfen haben, das Vermögen zu finden und anzumelden. Die Donauschwaben, die in Deutschland leben und keine serbische Staatsbürgerschaft haben, haben bis jetzt mehr als 8.000 Hektar Ackerland zurückbekommen. Der Wert dieser Agrarflächen ist mehr als 16.000.000 Euro. Diese Daten sind nur eine Schätzung. Die genauen Daten sind nicht verfügbar. Die meisten Grundbesitzer haben auch ein wirtschaftliches Potenzial.
Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, die Geschichte und das kulturelle Erbe der deutschen Minderheit bekannter zu machen?
Die Geschichte der Donauschwaben im ehemaligen Jugoslawien ist besonders tragisch. Donauschwaben haben in 200 Jahren ihrer Tätigkeit viel für die Entwicklung dieses Gebietes beigebracht. Leider hat die deutsche Minderheit in Serbien auch in den neuesten Prozessen der Demokratisierung in Osteuropa und der freien Entwicklung der deutschen Minderheiten in den anderen Ländern (Kroatien, Ungarn, Rumänien) nicht direkt mitgemacht. Die politische Lage in Serbien hat es nicht erlaubt, wichtige Schritte zu machen und so ist dieser wichtige Teil des Deutschtums in Europa im vergessenen schwarzen Loch geblieben. Wir möchten unser nationales Bewusstsein stärken und den Platz einnehmen, der uns auch historisch gehört, gleichermaßen zu anderen Ländern. So muss auch unser wichtiges Kulturerbe sichtbar sein und auch diesen wichtigen Platz im europäischen Erbe einnehmen.
Sie haben zahlreiche Ideen, wie man die deutschen Traditionen, Kultur und Geschichte sowie die Sprache bei Ihnen vor Ort fördern kann. Welche sind das?
Die vertriebenen Donauschwaben leben heute in der ganzen Welt. Hunderttausende Nachkommen suchen ihre Spuren in der Vojvodina und kommen täglich zu uns. Sie suchen die Familienspuren. Wir sind täglich mit der Bevölkerung der Auswanderer vor und nach dem Ersten Weltkrieg und den Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt. Wir müssen in der deutschen Minderheit richtige Institutionen entwickeln, die sich mit dieser Situation zurechtfinden. Auch eine Institution, die die wirtschaftliche Lage der Minderheit stärkt, muss sich entwickeln. Wir versuchen alle unsere Ressourcen zu organisieren, aber bei diesen Arbeiten brauchen wir Hilfe, die nicht nur finanziell ist, sondern auch fachlich und beraterisch. Wir müssen lernen, wie wir mit unserer großen Hinterlassenschaft von Deutschenzurechtkommen.
Wie waren beim Wirtschaftsforum der Stiftung Verbundenheit in München zu Gast. Sie haben uns dieses Event als sehr inspirierende Veranstaltung widergespiegelt. Was nehmen Sie von der Veranstaltung gedanklich mit? Was hat sie beeindruckt?
Die serbische Delegation war relativ unvorbereitet in dieses Wirtschaftsforum hineingegangen. Eigentlich haben wir überhaupt keine Erfahrungen bei solch wichtigen Veranstaltungen. Aber schnell ist uns klargeworden, wo wir eingeführt worden sind und was sich bei diesem Forum aufbaut und ausbaut. Wir wissen, wir müssen sichtbar sein. Wir hoffen, wir haben einen positiven Eindruck hinterlassen. Mit vielen Emotionen und vielen neuen Information und guten Kontakten zu anderen Vertretern der deutschen Minderheiten aus anderen Ländern sind wir nach Hause gekommen und möchten diese Eindrücke unserer deutschen Bevölkerung beibringen und sie auf einen richtigen Weg weiterführen. Die Zukunft soll zeigen, ob wir das auch schaffen und ob unsere Deutsche Minderheit aus Serbien ihren Platz zwischen den anderen deutschen Minderheitengruppen weltweit auch einnehmen kann. Die Zukunft wird zeigen, ob wir noch diese Stärke haben, diese wichtige Arbeit durchzuführen.
Lieber Herr Boris Mašić, vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen und die Vorstellung Ihrer Deutschen Minderheit in Serbien, Ihres Vereins und Ihrer Tätigkeiten. Bis bald.
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