Im Rahmen unserer Interviewreihe unter dem Hashtag #verbunden_mit präsentieren wir regelmäßig Persönlichkeiten, die in besonderer Weise mit deutschen Minderheiten und Sprachgemeinschaften verbunden sind, aus ihnen stammen oder aus ihrem Umfeld kommen.
In der aktuellen Edition sprechen wir mit Dr. Michał Matheja, dem Vorsitzenden des Forschungszentrums der Deutschen Minderheit (FZDM) in Oppeln, der auch im Fachbeirat "Kunst-Kultur-Wissenschaft" der Stiftung Verbundenheit aktiv sein wird, über das 10-jährige Bestehen des FZDM und seine Eindrücke zu den derzeitigen Tätigkeiten und Herausforderungen der Institution. Wir sind #verbunden_mit Dr. Michał Matheja.
.png)
Lieber Michal Matheja, in diesem Jahr feiert das Forschungszentrum der Deutschen Minderheit sein 10-jähriges Bestehen. Können Sie uns sagen, auf wessen Initiative und wann diese Einrichtung gegründet wurde?
Das lässt sich nicht eindeutig beantworten. Als Ausgangspunkt sind die Gespräche am deutsch-polnischen Runden Tisch im Jahr 2011 zu nennen, bei denen die Minderheitenseite den Bedarf an Forschungen zur Deutschen Minderheit angemeldet hat. Gleichzeitig wurde im Protokoll des Runden Tisches festgehalten, dass eine Stelle geschaffen werden soll, die solche Forschungen initiiert. Die Folge: Vier Jahre später, genauer gesagt im März 2015, startete im Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit ein Projekt unter dem Namen „Forschungszentrum der Deutschen Minderheit“ (FZDM). Ein Jahr später, 2016, wurde die Organisation „Verband der Vereine“ gegründet. Konkret gründeten fünf mit der Minderheit verbundene Organisationen einen Verband unter demselben Namen – FZDM – mit Sitz in Oppeln, um die notwendige Infrastruktur bereitzustellen, sobald entsprechende Mittel für die Tätigkeit dieser Einrichtung zur Verfügung stehen.
Für das Förderjahr 2020 wurde das FZDM in die Liste der sogenannten neuen Projekte aufgenommen, die ebenfalls aus Mitteln des Bundesministeriums des Innern gefördert werden.
Im der Szpitalna-Straße in Oppeln – an dem Ort, an dem wir uns derzeit befinden – nahm das FZDM als Verband der Vereine seine eigenständige Tätigkeit auf. Die formelle Gründung dieses Verbandes erfolgte 2016, weshalb wir in diesem Jahr unser 10-jähriges Bestehen feiern. Es muss jedoch hinzugefügt werden, dass die eigentliche Tätigkeit des FZDM erst im April 2020 begann – also in einer schwierigen Zeit, nämlich zu Beginn der Corona-Pandemie.
Womit genau beschäftigt sich das FZDM?
Es ist sicherlich kein „Schaufenster“ nach außen. Um die Welt der Deutschen in Polen zu zeigen, gibt es auf der anderen Seite der ul. Szpitalna in Oppeln das Dokumentations- und Ausstellungszentrum der Deutschen in Polen. Wir hingegen beschäftigen uns mit einer früheren Phase, nämlich der Initiierung wissenschaftlicher Forschungen zu verschiedenen Aspekten des Lebens der deutschen Minderheit in Polen – in Vergangenheit, Gegenwart und möglicherweise auch Zukunft. Beispielsweise sind Themen im Zusammenhang mit Oppeln oder Breslau in den 1920er Jahren, nach dem Ersten Weltkrieg, mit dem Plebiszit oder mit der Zeit der Kriege, die in Polen als Schlesische Aufstände bezeichnet werden, für uns kein Thema, da es in diesen Gebieten damals keine deutsche Minderheit im heutigen Sinne gab. Wenn wir uns mit der deutschen Minderheit in der Zwischenkriegszeit beschäftigen, dann nur im Gebiet des damaligen Polens – dort, wo die Deutschen tatsächlich eine Minderheit waren. Dasselbe gilt für das heutige Polen nach dem Zweiten Weltkrieg.
An wen vergeben Sie Forschungsaufträge?
Wir suchen Partner an Hochschulen und in verschiedenen Instituten sowie Personen, die sich auf Themen spezialisiert haben, die uns interessieren. Diese haben unterschiedlichen Charakter – etwa historische Themen, die mit dem Erbe der deutschen Minderheit zusammenhängen, selbst an Orten, an denen es sie heute nicht mehr gibt, wo aber das deutsche Erbe erhalten geblieben ist. Uns interessieren auch soziologische Themen, etwa zur Demografie, Wirtschaft oder zur Präsenz der deutschen Sprache. Generell sind die meisten unserer Projekte interdisziplinär. Die Teams bestehen häufig aus Fachleuten aus unterschiedlichen Bereichen. Natürlich forschen wir, um die Ergebnisse zu veröffentlichen und sowohl im wissenschaftlichen als auch im populärwissenschaftlichen Diskurs zugänglich zu machen. Wir organisieren auch Autorenlesungen zu unseren Publikationen. Bislang ist es uns gelungen, rund 30 Publikationen herauszugeben. Zu unseren Aufgaben gehört auch die Verbreitung von Wissen und die Popularisierung von Forschungsergebnissen – deshalb organisieren wir Konferenzen und Seminare. Dies ist der wissenschaftliche Aspekt unserer Tätigkeit, der sich aus dem Namen und den Beschlüssen des Runden Tisches ergibt, nämlich neue Forschungsfelder zu erschließen, die bislang in Polen oder Deutschland nur selten behandelt wurden.
Das FZDM hat noch eine weitere Aufgabe - nämlich die des Archivs der Deutschen Minderheit…
Von Zeit zu Zeit erhielten wir von Zeitzeugen sehr interessante, oft einzigartige Dokumente. Es waren so viele, dass es notwendig wurde, ein Archiv der deutschen Minderheit anzulegen. Auch diese Aufgabe wurde uns übertragen, und seit Beginn unserer eigenständigen Tätigkeit bauen wir dieses Archiv systematisch auf. Oft handelt es sich dabei um Rettungsmaßnahmen – etwa wenn Bestände gefährdet sind oder eine Organisation der deutschen Minderheit aufgelöst wird. In solchen Fällen übernehmen wir die Materialien und ordnen sie schrittweise. Zudem haben wir zahlreiche Spender, darunter auch Personen des öffentlichen Lebens. So haben uns ehemalige Abgeordnete der Deutschen Minderheit ihre Sammlungen übergeben, und nach dem Tod von Friedrich Schikora hat sein Sohn die Unterlagen seines Vaters über dessen oppositionelle Tätigkeit in den 1980er Jahren übergeben. Generell sammeln wir alles, was mit der deutschen Minderheit zusammenhängt. Ein großer Teil der Dokumente betrifft den Aufbau ihrer Strukturen in den frühen 1990er Jahren sowie deren Entwicklung in den folgenden Jahren.
Welche Ereignisse halten Sie seit der Gründung des Forschungszentrums für die wichtigsten?
Es ist schwierig, ein einziges Ereignis hervorzuheben. Wir stehen sprichwörtlich auf zwei Beinen – dem wissenschaftlichen und dem archivischen. Ein bedeutendes Ereignis war die Konferenz, die wir gemeinsam mit dem Dokumentations- und Ausstellungszentrum organisiert haben, bei der Museumsfachleute aus verschiedenen europäischen Ländern – etwa aus Rumänien, Dänemark und Deutschland – zusammenkamen. Auch die Mitorganisation des Kongresses im vergangenen September war für uns ein großer Erfolg und zeigt, dass wir uns einen Namen gemacht haben. Was das Archiv betrifft, ist weniger ein einzelnes Ereignis entscheidend, sondern vielmehr seine kontinuierliche Entwicklung. Ein gutes Beispiel dafür ist Dr. Magdalena Wiśniewska-Drewniak, die im Rahmen ihres Forschungsprojekts drei soziale Archive in Polen untersucht hat – darunter auch unseres.
Was sind Ihre unmittelbaren Pläne für das FZDM?
In zwei Jahren stehen Wahlen an, und ich möchte, dass wir bis dahin einen Nachfolger gefunden haben. Ich spreche dieses Thema bewusst frühzeitig an, da ich für evolutionäre und nicht für abrupte Veränderungen bin. Idealerweise würde mein Nachfolger bereits in der nächsten Amtszeit gefunden werden, sodass ich mein Wissen und meine Erfahrung schrittweise weitergeben kann.
Lieber Michal Matheja, vielen Dank für das Gespräch, viel Erfolg und gute Arbeit bei Ihrer Tätigkeit im FZDM und auf eine weiterhin gute Zusammenarbeit!
Das komplette Interview mit Michal Matheja lesen Sie auch auf der Seite des Neuen Wochenblatts unter:




