Datum
24.11.2023
Autor

Deutsche Minderheit in Polen: Überraschende Erkenntnisse bei Nachbetrachtung der Ergebnisse der Volkszählung 2021

Als das polnische Hauptamt für Statistik (GUS) im März dieses Jahres die im Rahmen der Volkszählung 2021 gewonnenen Zahlen zur Deutschen Minderheit vorstellte (siehe HIER Bericht der Stiftung Verbundenheit), konzentrierten sich die Meldungen vor allem auf den Rückgang der Zahl der sich als ethnisch deutsch bekennenden Menschen in Polen gegenüber 2011. Nun präsentiert das GUS genauere, nach den einzelnen Woiwodschaften gegliederte Zahlen, die laut einer Analyse der Soziologin Dr. Magdalena Lemańczyk (Institut für politische Studien an der polnischen Akademie der Wissenschaften) ein komplexeres Bild zeichnen. Vor allem ist der weiterhin unbestrittene Rückgang der Zahl ethnischer Deutscher in Polen weitaus geringer als zunächst angenommen. Die Zahl von 132.500 Deutschen in Polen ist auf 144.157 korrigiert worden. Gegenüber 2011 – damals bekannten sich 147.814 Bürger Polens zur „deutschen Nationalität“ – ein weitaus geringerer Rückgang.

Dieser insgesamt positive Umstand deckt sich mit densehr guten Werten zur Nutzung des Deutschen im privaten Bereich: Während 2011 lediglich 96.500 Menschen angaben, Deutsch als Sprache zu verwenden (sei dies als einzige oder als eine von mehreren Sprachen) taten dies 2023 216.342 Bürger Polens, wobei 7878 Deutsch als ausschließliche im Haushalt gesprochene Sprache angaben.

Deutliche Rückgänge an Polen, die sich als Personen „deutscher Nationalität“ bezeichneten, betreffen ausgerechnet die oberschlesischen Woiwodschaften Oppeln und Schlesien, in denen traditionell der Großteil der Deutschen Minderheit lebt. In beiden Woiwodschaften ist neben dem Rückgang der Nationalität deutsch zugunsten eines Anstiegs der Nationalität Schlesisch" zu verzeichnen. Dafür gab es in fast alle anderen Woiwodschaften einen Anstieg an deutschen Nationalitätserklärungen.

Die Gründe hierfür sind laut Magdalena Lemańczyk teils demographische Prozesse innerhalb der Minderheit, das Sterben der älteren Generation, die Migration innerhalb Polens und nach Westeuropa sowie die Zunahme von ethnisch gemischten Ehen, andererseits allgemeine demographische Phänomene: Oppeln verzeichnet aufgrund wirtschaftlicher Gründe eine der landesweit höchsten Entvölkerungsraten. Für dieses Erklärungsmuster spricht auch die Zunahme der Erklärungen deutscher Nationalität zu sein aus anderen Woiwodschaften.

Die Gründe für den Wechsel von der deutschen hin zur schlesischen Selbstidentifikation sehen sowohl Lemańczyk als auch der Vorsitzende des Verbandes deutscher Gesellschaften, Rafal Bartek in der von der Partei Recht und Gerechtigkeit befeuerten antideutschen Stimmung, in der es leichter falle, sich als schlesischer, denn als deutscher Pole zu identifizieren. Das im Vergleich zu vor zehn Jahren schwächere Ergebnis in der Region sei Spiegelbild der Politik gegenüber der deutschen Minderheit und der daraus resultierenden Atmosphäre rund um das Deutschtum. In dieser Situation sei es leichter, sich regional zu definieren, was einer Erklärung zum Schlesiertum förderlich gewesen sei, summiert Bartek.

Lesen Sie hier den Beitrag des Wochenblatt.pl: „Wie viele Deutsche gibt es eigentlich in Polen?“ (Wochenblatt No. 45; 10.-16.11.2023)

Unterstützen Sie die Stiftung Verbundenheit

Mit Ihrer Spende unterstützen Sie ausgewählte humanitäre und kulturelle Stiftungsprojekte weltweit. Werden Sie Teil unseres Spenderkreises und erhalten Sie exklusive Einblicke und Angebote.
Unterstützer werden