Werner Sonne, Journalist und Schriftsteller, langjähriger ARD-Korrespondent und nun Kuratoriumsmitglied und Israel-Beauftragter der Stiftung Verbundenheit, führte ein Interview mit Deborah Haberfeld, der Präsidentin des Irgun (Organisation der Israelis mitteleuropäischer Herkunft, "Jeckes"-Verband)
Israel feiert in diesen Tagen seinen Unabhängigkeitstag – den 78. Jahrestag der Staatsgründung. Wie beurteilen Sie als Präsidentin des Irgun die aktuelle Lage im Land? Und welche Erwartungen haben Sie an die israelische Regierung?
In diesem Jahr begehen wir 78 Jahre Staatsgründung – und das vor dem Hintergrund tiefer Trauer, Schmerz und eines unfassbaren Verlustes: des abscheulichen Mordes an mehr als 1.200 Menschen, die im Oktober 2023 abgeschlachtet wurden. Wir trauern um die gefallenen Soldatinnen und Soldaten der IDF und um die vielen Verwundeten. Und wir vergessen nicht den Herzensschmerz angesichts des unerträglichen Schicksals der Geiseln – von denen einige in der Hamas-Gefangenschaft auf grausame Weise ermordet wurden, während andere, zum Glück, dank des massiven Drucks des US-Präsidenten und der Bemühungen an den weiteren Fronten heimgebracht werden konnten. All das – der Kampf gegen den Iran, im Libanon und gegen die Huthi – hat für die Bevölkerung des Landes, vor allem für die Bewohner des Nordens, erschöpfende und schwere Zeiten gebracht.
Zugleich vergesse ich nicht: Für mich und für Menschen meiner Generation – wir sind die sogenannte „Dor haMedina“ )wörtlich: „Die Generation des Staates“, gemeint ist die Generation, die mit oder kurz nach der Staatsgründung 1948 geboren wurde und deren Identität untrennbar mit dem Aufbau Israels verbunden ist) – ist die Gründung des Staates Israel nichts weniger als ein Wunder: ein Akt zionistischer Pionierarbeit, der Erneuerung, des Aufbaus einer jüdisch-israelischen Identität und des berechtigten Stolzes auf beispiellose Leistungen – begleitet von einer massiven Einwanderungswelle und deren Integration.
Ein paar Worte zur aktuellen Lage: Der Staat Israel befindet sich heute in einer tiefen Krise der gesellschaftlichen und nationalen Identität. Diese Krise lässt sich vor dem Hintergrund der Identitätspolitik in Israel analysieren – eines politischen Ansatzes, bei dem Menschen und Gruppen sich selbst über ihre gesellschaftliche, kulturelle, religiöse oder nationale Zugehörigkeit definieren und politisch handeln. Statt sich auf allgemeine ideologische Positionen (wie wirtschaftliches Links-Rechts-Denken) zu konzentrieren, steht die Frage im Vordergrund: »Wer bist du« – Jude oder Araber, religiös oder säkular, Mizrachi oder Aschkenasi, LGBTQ, Neueinwanderer usw.? Einer der tiefsten Ausdrücke dieser Krise ist der Kampf um grundlegende Fragen: Was bedeutet ein jüdischer und demokratischer Staat? Welche Rolle kommt der Halacha zu? Welchen Status haben die Minderheiten? Was ist „Israelisch-Sein“? Es geht längst nicht mehr nur um Politik – es ist ein Kampf um die nationale Identität.
Die Beispiele sind bekannt: der Kampf der orientalischen Juden um Gleichstellung und kulturelle Anerkennung; die Forderungen der arabischen Gesellschaft nach bürgerlicher Gleichheit und Rechten; der Kampf der ultraorthodoxen Gemeinschaft um die Bewahrung ihrer religiösen Lebensweise – und vieles mehr.
Identitätspolitik ist ein zweischneidiges Schwert: Einerseits ermöglicht sie Repräsentation, die Korrektur von Ungerechtigkeiten und die Anerkennung von Vielfalt – andererseits vertieft sie Spaltung, Polarisierung und gegenseitiges Misstrauen zwischen den Gruppen.
Was also ist die Lage in Israel heute? Die Identitätspolitik, die von der gegenwärtigen Regierung angeheizt und zugespitzt wird, ist nicht nur der „Hintergrund“ der israelischen Lage – sie ist eine der Kräfte, die diese Lage hier und jetzt aktiv gestalten, in nahezu jedem Bereich: politisch, gesellschaftlich und sicherheitspolitisch. Dies zeigt sich unter anderem in der tiefen Polarisierung und im Versuch der aktuellen Regierung, einen Justizumbau durchzusetzen, der eine große öffentliche Protestbewegung ausgelöst hat. Diese Politik wirkt sich unmittelbar auf weitere zentrale Themen aus: auf Haushaltsmittel für verschiedene Bevölkerungsgruppen, auf den Status der arabischen Gesellschaft, auf Fragen von Religion und Staat und mehr. Die Mehrheit der Entscheidungen der gegenwärtigen Regierung bevorzugt eine Gruppe auf Kosten einer anderen. Man kann sagen: Die Polarisierung und Radikalisierung sind stärker als je zuvor – und das ist in erster Linie eine Folge der Politik einer Regierung, die die Spaltung zwischen den Gruppen bewusst schürt.
Die zentrale Herausforderung der israelischen Gesellschaft besteht nicht darin, Identitäten aufzuheben – sondern einen Weg zu finden, zwischen ihnen zu vermitteln und einen gemeinsamen Raum zu schaffen, der ein gerechtes Zusammenleben für alle Gruppen ermöglicht. Und die Herausforderung der israelischen Regierung und ihres Führers besteht darin, eine ausgewogene und verantwortungsvolle Politik zu betreiben, die für alle Teile der Gesellschaft einen fairen und gerechten gemeinsamen Lebensraum ermöglicht.
Der Irgun hat eine kritische Stellungnahme zur Lage der Palästinenser im Westjordanland veröffentlicht. Sie sagen, Sie werden zu diesem Thema nicht schweigen. Was hat Sie dazu bewogen?
Die Organisation der Israelis mitteleuropäischer Herkunft – der Irgun, oder auch der „Irgun haJekkes“ – bezieht, gestützt auf die Grundwerte, die seiner Gründung vor mehr als 90 Jahren zugrunde lagen, regelmäßig und konsequent Stellung gegen Versuche, den Charakter und die Identität des Staates Israel als jüdischen, liberalen und demokratischen Staat zu verändern. Bekanntlich setzt sich der Irgun für die Anerkennung und Sichtbarkeit des bedeutenden und umfassenden Beitrags der Jekkes-Einwanderung zur Gesellschaft und zum Staat ein. Doch damit begnügen wir uns nicht. In unserer Arbeit betonen wir die Notwendigkeit, diesen Beitrag auch in der Gegenwart und Zukunft – wie schon in der Vergangenheit – für Staat und Gesellschaft fruchtbar zu machen.
All das geschieht in dem Bewusstsein, dass wir in einer herausfordernden Zeit leben, in der laute Stimmen versuchen, die Rechtsstaatlichkeit, die Institutionen des Staates und die Werte zu untergraben, auf denen die israelische Demokratie gründet und die in der Unabhängigkeitserklärung formuliert wurden. Wir bemühen uns, in die Bresche zu springen und unseren Teil zur Stärkung und Vermittlung liberaler Werte beizutragen – der Werte der Freiheit, der Gleichheit und der gegenseitigen Hilfe im Geiste Herzls und der Gründerväter.
Der Irgun nimmt konsequent Stellung zu wertebasierten und gesellschaftlichen Fragen des israelischen öffentlichen Raums. Gerade deshalb – in einer Zeit, in der wir eine tiefe Identitätskrise der israelischen Gesellschaft erleben – ist es an uns, auf Versuche hinzuweisen, die israelische Demokratie zu beschädigen, das Prinzip der Gewaltenteilung auszuhöhlen und unschuldige palästinensische Zivilisten physischen Angriffen auszusetzen. Das ist Teil des Erbes, das unsere Vorväter uns hinterlassen haben – und wir, als Fortführer ihres Weges, können und müssen diesem Erbe neue Kraft verleihen.
Um unsere Stimme zu zentralen Fragen zu erheben, die sich in der öffentlichen Debatte und auf der israelischen Straße widerspiegeln, arbeitet ein Reaktionsausschuss unter dem Vorsitz von Professor Moshe Zimmermann. Der Ausschuss handelt nach Richtlinien, die vom Vorstand des Irgun erarbeitet wurden; seine Hauptaufgabe ist es, die Stimme des Irgun zu „brennenden“ Themen in Echtzeit hörbar zu machen.
Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit mit Ihren deutschen Partnern von der Stiftung Verbundenheit?
Die Zusammenarbeit zwischen Organisationen birgt in der Regel inhärente Schwierigkeiten, die aus vielen Gründen entstehen – Prestigekämpfe, Ressourcenkonkurrenz, kulturelle Unterschiede, Schwierigkeiten bei der Prioritätensetzung und so weiter. Wir im Irgun streben konsequent nach der Stärkung unserer Beziehungen zu weiteren Akteuren im Land und in der Welt – in dem Bewusstsein, dass Verbindungen generell Kräfte multiplizieren, und ganz besonders in komplexen Zeiten.
Was die Stiftung betrifft: Das Ziel der Zusammenarbeit ist es, die kulturellen und gesellschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und der Gemeinschaft der Einwanderer aus Mitteleuropa und ihrer Nachkommen in Israel zu stärken und Initiativen zur Bewahrung des Jekkes-Erbes in Israel und im deutschsprachigen Raum zu unterstützen.
Ich bin überzeugt, dass die Partnerschaft mit der Stiftung Verbundenheit Erfolg verspricht – und zwar deshalb, weil Stiftung und Irgun eine tiefe, gemeinsame Wertebasis teilen. Die Werte, auf denen die Stiftung gründet, sind dieselben wie die des Irgun: der Glaube an Demokratie, Toleranz und Gleichheit ohne Unterschied von Rasse, Geschlecht und Religion. Das ist unser gemeinsames Wertefundament – und es bildet eine solide und tragfähige Grundlage für eine Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen und zu verschiedenen Themen. Darüber hinaus zeigen die nachfolgenden Generationen des Irgun – die im Mittelpunkt der gemeinsamen Arbeit von Irgun und Stiftung stehen – echtes Interesse an diesem Thema und begrüßen es ausdrücklich.
Warum ist das Jekkes-Projekt für Sie persönlich wichtig?
Das ist eine gute Frage, deren Antwort vielschichtig ist. Denn wer sind die Jekkes heute? Die Grenzen der Jekkes-Gemeinschaft sind fließend geworden, und es ist heute nicht mehr möglich, von einer ethnisch klar abgegrenzten Jekkes-Gemeinschaft zu sprechen. Und das ist gut so. Heute und auch in Zukunft beziehen wir uns mehr auf Werte, Überzeugungen und eine Lebenshaltung als auf Herkunft. So sind beispielsweise meine Töchter nur „halb jekkes“ und meine Enkel nur „Viertel-Jekkes“.
Was mir wichtig ist, ist die generationenübergreifende Jekkes-Gemeinschaft, die die Werteidentität meiner Generation und der Generation meiner Kinder und Enkel widerspiegelt. Der Irgun bildet den wertebezogenen Gemeinschaftsrahmen und den Ausdruck dieser Werte. Wie ich bereits erwähnt habe, bin ich Israelin, die zu der Generation gehört, die mit der Staatsgründung und danach geboren wurde. Für mich ist die israelische Identität ein zentraler Bestandteil meiner Persönlichkeit. In dieser Identität steckt unter anderem auch ein „jekkes Knopf“ – er ist Teil meiner DNA, und von Zeit zu Zeit wird dieser Knopf gedrückt, und Elemente der Jekkes-Identität treten zutage: Verantwortungsbewusstsein, Ehrenamtlichkeit, das Streben nach Wahrheit, Geradlinigkeit, Pünktlichkeit und mehr.
Für mich ist der Irgun das Zuhause für unsere vielfältige, generationenübergreifende Gemeinschaft. Ein Ort, an dem ich und andere das Gefühl haben, dazuzugehören und verstanden zu werden. Daher ist die Bewahrung von Erbe und Identität ein wichtiger Bestandteil meiner Persönlichkeit – in dem Bewusstsein, dass gerade in Zeiten der Erschütterung Anker der Erinnerung und der Zugehörigkeit von besonderem Wert sind.
Das deutlichste Beispiel dafür ist der lange Weg, der zur Wiedereröffnung des Museums für deutschsprachiges Judentum (Jekkes-Museum) im Hecht Museum an der Universität Haifa geführt hat. Es ist für mich und für viele andere weit mehr als ein kulturelles Ereignis. Es ist die Geschichte meiner Eltern, die aus Mitteleuropa stammen, und der Eltern und Großeltern vieler Mitglieder des Irgun – Menschen, die größtenteils Flüchtlinge waren, die vor dem Terror des NS-Regimes flohen und in ein Land kamen, das ihnen fremd war. Sie kämpften mit Sprachbarrieren, mit einem fremden Klima und einer fremden Kultur.
Diese Geschichte ist auch die Quintessenz der zionistischen Geschichte der Wiedergeburt Israels: die Vision und der Traum von Pionieren, die voranschritten und von einer neuen Gesellschaft und einer nationalen Heimstätte träumten. Es ist eine Geschichte der Erinnerung, der Identität und der tiefen Dankbarkeit gegenüber einer Generation, die eine Welt aus Werten, Kultur und Geist in dieses Land mitbrachte und hier – aus Glauben, Verantwortung und Hoffnung – ein Zuhause aufbaute.
Aus diesem Grund ist mir die Jekkes-Gemeinschaft außerordentlich wichtig, und ich sehe im Irgun und in seiner Fähigkeit, sich von einer Einwandererorganisation zu einer Gemeinschaftsorganisation zu wandeln, die ihre Kultur und ihr Erbe bewahrt und weitergibt, eine wichtige Kraft bei der Gestaltung der entstehenden israelischen Identität.





